Kosmische Veränderungen

Bachs Goldbergvariationen im Makrokosmos von George Crumb

Häufig fällt das Wort Reise, wenn Menschen ihr Hörerlebnis mit Bachs Goldbergvariationen beschreiben. Dass das Werk ebenso als eine Reise in kosmische Weiten wie ein meditativer Weg ins Innere wahrgenommen wird, ist kein Zufall. Für Bach – der seine Kunst als Wissenschaft bezeichnet hat – war die kosmische Dimension der Musik ebenso bedeutsam wie ihre Eigenschaft, menschliches Erleben in allen Nuancen zum Ausdruck bringen zu können. Er beschäftigte sich ebenso intensiv mit Pythagoras‘ Lehre von der Sphärenharmonie wie mit der Subjektivierung der musikalischen Affekte. Den Zyklus der „Aria mit 30 Veränderungen“ – bekannt als „Goldbergvariationen“ – hat er als die wahrscheinlich – mit 80 Minuten Spieldauer – monumentalste Passacaglia der Musikgeschichte konzipiert. Ein gleich bleibender Baßverlauf ist der Weg, auf dem der Hörer sich durch das Werk bewegt, in jeder Variation findet er sich in einer neuen Situation wieder – nicht zufällig lautet die wörtliche Übersetzung des musikalischen Gattungsbegriffs Passacaglia: „einen Weg gehen…“
Bachs Meditation darüber, was bleibt und was sich verändert stehen in diesem Programm Auszüge aus einem der bedeutendsten Klavierzyklen des 20. Jahrhunderts gegenüber: George Crumbs „Makrokosmos“. Jedem Satz gibt Crumb zwei Titel: den eines Sternbilds und einen, der Assoziationen an eine bestimmte Szenerie weckt. Mit ganz anderen Mitteln – aber nicht weniger obsessiv – macht sich auch Crumb auf den Weg der Fragen, die auch Bach zweihundert Jahre zuvor umtrieben, und lässt – wie dieser – in seiner musikalischen Erzählung die Grenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen.